10.06.2022 Auf dem Weg in die postfossile Wirtschaft
v.l.n.r.: Sven Becker, Christian David, Rosa Hemmers, Markus Staudt, Volker Schramm (Foto: Jo Hempel/medien.de)

„Willkommen im Kammermusiksaal, gleich neben dem Beethovenhaus. Seine ersten 22 Jahre hat Ludwig van Beethoven dort verlebt. Aber wie kommen wir jetzt von dem berühmtesten Sohn der Stadt zum Thema des Abends: Wirtschaft im Wandel – Dekabonisierte Wirtschaft? Beethoven lebte im frühen Industriezeitalter. Damals bebten schon die Dampfmaschinen und verschmutzten die Umwelt. Naturliebhaber Beethoven trug sich mit dem Gedanken aufs Land zu ziehen. Er wäre sicherlich ein großer Fan der Dekarbonisierung gewesen“, eröffnete Moderator Christian David den Bonner Wirtschaftstalk.

Bei der 51. Auflage der Veranstaltung ging es um die Abkehr vom Kohlenstoff und eine postfossile Wirtschaft. Ohne Dekarbonisierung kann die Wirtschaft bis 2050 wenig zu dem im „Green Deal“ beschlossenen klimaneutralen Europa beitragen.

Das sahen auch die Podiumsgäste so, die David kurz und prägnant vorstellte: „Sven Becker, Sie sind Sprecher der Geschäftsführung von Trianel, haben bei Trianel über 57 Stadtwerke – darunter auch die Stadtwerke Bonn – als Gesellschafter vereint und betreiben gemeinsam unter anderem ein Windkraftwerk vor Borkum. Volker Schramm, Vorstandsmitglied der Sparkasse KölnBonn, Sie haben nicht die Windkraft, aber die Erdung und das Geld. Rosa Hemmers, Sie arbeiten schon Jahrzehnte für 100 Prozent erneuerbare Energien, sind stellvertretende Vorsitzende des Grüner Strom Label und Vizepräsidentin von Eurosolar. Und Markus Staudt, können Sie uns als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie zu ,Energiewende ja, Hauptsache die Wohnung bleibt warm‘ etwas sagen?“

Beschleunigt Ukrainekrieg die Energiewende?

„Doch zunächst: Hat uns der Angriffskrieg auf die Ukraine verstärkt vor Augen geführt, dass es so wie gehabt in Sachen Energie nicht weitergehen kann?“, fragte David zum Auftakt. „Er hat uns die Abhängigkeit von fossiler Energie deutlich gemacht“, antwortete Hemmers, die gemeinsam mit SWB Energie und Wasser jahrelang den Energieeffizenzpreis vergeben hat.

„Was Greta Thunberg mit ihrem Engagement nicht geschafft hat – die Bevölkerung auf erneuerbare Energien einzuschwören –, das ist durch den Ukrainekrieg Realität geworden“, so Becker. „Im gesellschaftlichen Kontext hätte es viel länger gedauert, solch ein Umdenken zu erreichen. Krisen beschleunigen und lösen Veränderungen aus. Aber sie haben einen Nachteil. Sie werden nicht strukturiert bearbeitet, sondern es wird ad-hoc entschieden“, sagte Schramm.

„Erdgas sollte die Brücke ins Erneuerbare-Energien-Zeitalter sein. Aber das Gas kommt hauptsächlich aus Russland. Jetzt muss man sehen, wie sich die Brücke neu gestalten lässt“, so Staudt.

Helfen steigende Preise bei der Energiewende?

Einigkeit unter den Gästen herrschte darüber, dass der Anstieg der Preise auch die Nachfrage nach Erneuerbarer Energie zeigen werden. Es sei sicherlich ein Mittel zur Verhaltensänderung in Privathaushalten wie Unternehmen, auch wenn Erkenntnisgewinn eigentlich mit Argumenten erreicht werden solle, so Hemmers.

Die Bereitschaft in neue Heizungen zu investieren, sei jedoch gering, so Staudt. „Der Förderungsanreiz ist sehr wichtig. Seit 2020 haben wir eine bessere Förderlandschaft. Sie wirkt. Es sind 2021 200.000 mehr Heizungen als sonst modernisiert worden“, so Staudt.

„Was tun die Stadtwerke, um sich von der Energieabhängigkeit zu lösen? Sind sie mutiger geworden?“, richtete sich David an Becker. „Stadtwerke sind schon mutig seit der Loslösung von den Kommunen. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnen fünf Milliarden Euro investiert, um regenerativen Strom für die Haushalte und Unternehmen bereithalten zu könne. Ich bin von der unternehmerischen Kraft der Stadtwerke fasziniert“, so Becker. 

Wo geht die Reise hin? Ein Blick in die Zukunft

Zu schaffen sei die Energiewende, die im Übrigen nicht nur eine Strom-, sondern auch eine Wärme- und Verkehrswende sei, wenn alle Akteure beteiligt, die Finanzen gesichert und kontinuierliche Rahmenbedingungen geschaffen seien. Wenn es genügend Fachkräfte gäbe, die sie vor Ort umsetzen, und genügend Kundinnen und Kundenen, die erneuerbare Energien nutzten. So der Konsens der Diskussionsteilnehmer.

„Also Strom, Wärme, Mobilität – wie sieht es damit in zehn, 20, 30 Jahren aus?“, fragte David seine Podiumsgäste abschließend. „In zehn Jahren gibt es kaum noch ein Haus, das nicht etwas mit erneuerbaren Energien zu tun hat. Strom, Wärme und Mobilität werden nicht mehr als getrennte Sektoren betrachtet, wir werden sie als eine Einheit betrachten. Entsprechende Konzepte werden entwickelt und in 20 Jahren zum Standard gehören. In 30 Jahren haben wir es geschafft“, wagte Hemmers den Blick in die Zukunft.

Eine Aufzeichnung des 51. Bonner Wirtschaftstalks gibt es unter www.bonner-wirtschaftstalk.de.
 

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