13.07.2022 Seit 70 Jahren mehr als nur heiße Luft
Eine Übergabestation für Fernwärme an der Kennedyallee in Plittersdorf. (Foto: Magunia)

Die Fernwärme, die die Stadtwerke Bonn Energie und Wasser (SWB EnW) liefern, ist ein ökologisches Traditionsprodukt. Seit 70 Jahren entsteht sie in Bonn und kommt fertig ins Haus – die Abnehmer brauchen weder Heizkessel noch Schornstein oder Brennstofflager. Die Energieform ist nachhaltig, unabhängig und günstiger als andere – somit aktueller denn je. 

Die Bonner Fernwärme hat ihren Ursprung im Jahr 1952. Damals fiel der Beschluss der Stadtwerke Bonn, das städtische Elektrizitätswerk an der Karlstraße in ein Heizkraftwerk (HKW) umzubauen. Bald kam Betriebsdirektor Erwin Hennessen eine Idee: Den während der Stromerzeugung im Heizkraftwerk anfallenden Dampf wollte er nutzen, um benachbarte öffentliche und private Gebäude zu versorgen. 

Zu den ersten Kunden zählte Bundeskanzler Adenauer

Gesagt, getan, der Bau des Fernwärme-Verteilnetzes begann. Und Hennessen konnte schon 1953 einige hundert Meter des Bonner Fernwärmenetzes in Betrieb nehmen. Die erste Lieferung ging in die Oberleitungsbus-Halle der Stadtwerke an der Karlstraße. 1955 führten die mittlerweile rund 4,5 Kilometer langen Leitungen zu 40 Empfängern, davon acht Privathäusern.

Vom Heizkraftwerk Karlstraße ausgehend lagen die äußersten Punkte des Netzes am Bundespresseamt und Bundeskanzleramt. In Letzterem kam Bundeskanzler Konrad Adenauer in den Genuss wohliger Wärme. Die Regierungsgebäude zählten neben den Universitätsinstituten und dem Poppelsdorfer Schloss zu den größten Abnehmern.

Von 4,5 Kilometern Fernwärmenetz 1955 zu 121 Kilometern 2022

Heute ist das Bonner Fernwärmenetz rund 121 Kilometer lang und wächst weiter. Zuletzt 2019 durch den Ringschluss in Tannenbusch und Castell innerhalb des Fernwärmeprogramms 2020. Auf der insgesamt 8000 Meter langen Trasse wurden auch Auerberg und Buschdorf von den Stadtwerken Bonn ans Netz angeschlossen. Los ging es an der Römerstraße, das Ende war mit dem Anschluss des Neubauquartiers „Im großen Garten/Am Apfelbaum“ in Buschdorf erreicht. 

Besonders reizvoll für Bauherren und Sanierer

Damit gibt es aktuell rund 2.800 Anschlüsse in der „Fernwärme-Familie“, die eigentlich eine wahre Nahwärme ist. Vom Einfamilienhaus über das historische Bonner Münster und die Häuser der Museumsmeile bis hin zum Posttower: Sie alle beziehen die sichere und klimaschonende Wärme mit dem Primärenergiefaktor 0,25 und einem CO₂-Äquivalent von Null. Nicht zuletzt, weil die Stadtwerke in ihrem Heizkraftwerk das Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) sowie Hausmüll als „nachwachsenden Rohstoff“ nutzen. 

Fernwärme ist für Bauherren und Sanierer besonders reizvoll. Denn der Primärenergiefaktor fließt in die Berechnungen des Architekten oder Bauplaners für den Energieausweis mit ein. Je geringer der Faktor ist, desto besser. Dann können Kundinnen und Kunden unter anderem Mittel aus der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) erhalten. 

Wärme wird effizient und nachhaltig bereitgestellt

Die SWB-Fernwärme erfüllt so im Hinblick auf das Bestrebens Bonns, bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu sein, einen Schlüsselfaktor: Wärme effizient und nachhaltig bereitzustellen. Derzeit wird zudem eine neue Gas- und Dampfturbinen-Anlage am Heizkraftwerk Nord gebaut und die alte Anlage ertüchtigt, damit die Stadtwerke Bonn ab 2025 auch Wasserstoff nutzen können, um Strom und Fernwärme zu erzeugen. 

So funktioniert Fernwärme

Das Prinzip, mit dem Fernwärme erzeugt wird, heißt Kraft-Wärme-Kopplung. Dabei wird die Wärme, die bei der Stromproduktion im Heizkraftwerk Nord erzeugt wird, nicht einfach in die Umwelt „geblasen“, sondern zum Heizen genutzt. Als Energieträger dienen Dampf aus der Müllverwertungsanlage (MVA) und Erdgas. 

Der Brennstoff kann zu etwa 90 Prozent genutzt werden – im Gegensatz zu herkömmlichen Kraftwerken mit einem Wirkungsgrad von rund 45 bis 62 Prozent. Auf diese Weise spart allein das HKW Nord rund 194.000 Tonnen CO₂ im Jahr ein.

Ist die Fernwärme erzeugt, wird sie auf das Medium Wasser übertragen. Bestens gedämmte Leitungen transportieren sie zu den Häusern der Kunden. Bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern erfolgt die Wärmeübergabe mit Hilfe einer Übergabestation. Das erspart Flächen, die sie anderweitig nutzen können.

Das Wasser kühlt dabei ab und fließt in parallelen Rohren (Vorlauf- und Rücklaufleitungen) wieder in das Heizkraftwerk zurück. Fernwärme reduziert den CO₂-Ausstoß eines Gebäudes um 66 Prozent. Damit erfüllt sie alle Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) und des Gebäudeenergiegesetzes (GEG). (sm/se)

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