04.10.2019 Bay area to Rhine area: Erster Deutsch-Amerikanischer Wirtschaftstalk über die Wirtschaftsbeziehungen und Potenziale des Rheinlands als Silicon Valley
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Ein spannendes Thema und eine gute Diskussion: Eveline Y. Metzen, Ted Gonder, Moderator Christian David, Mirko Heid und Markus Reckling (v.li.) diskutierten beim 40. Wirtschaftstalk.

Bonn als Teil eines deutschen Silicon Valley? Hätte das Rheinland das Zeug dazu? Und was schätzen Unternehmen und Unternehmer diesseits und jenseits des großen Teichs aneinander? Das waren Fragen, die am Dienstag, 1. Oktober, die Diskussionsteilnehmer beim 40. Wirtschaftstalk aufgriffen, der zugleich der erste deutsch-amerikanische Wirtschaftstalk in der Bundeskunsthalle war.

Moderator Christian David begrüßte dazu Eveline Y. Metzen, Geschäftsführerin der American Chamber of Commerce in Germany, Mirko Heid, Bereichsleitung Konzernstrategie der Stadtwerke Bonn und als ehemaliger Baseball-Nationalspieler und Trainer auch Kenner der amerikanischen Kultur, Markus Reckling, Deutschland-Chef von DHL-Express, und Ted Gonder, amerikanischer Unternehmer und unter anderem Mitgründer der Firma „Moneythink“, die junge Menschen in den USA finanziell unterstützt, um auch einkommensschwachen Familien Zugang zum Studium zu ermöglichen.

Die Runde war sich einig: Beide Seiten können voneinander lernen. „Offenheit Neuem gegenüber, auch mal einfach machen und nicht zehn Jahre überlegen“, schätzte Reckling an den U.S. Unternehmern. Während die USA innovationsbereiter und zugänglicher für Veränderungen sei, gehe in Deutschland vieles noch zu langsam oder nur begleitet von großer Skepsis ab. Die größte Kritik galt dem Fehlen einer digitalen Infrastruktur in Deutschland. Das Internet sei schlicht zu langsam. „Das ist der größte Hemmschuh für Investoren“, sagt Metzen.

Unternehmen schätzen Versorgungsstruktur in Deutschland
„Amerikanische Unternehmen schätzen an Deutschland die politische Planbarkeit und Sicherheit sowie das Zulieferernetzwerk und die ganz hohe Qualität der Arbeit, genauso wie die Qualität der Bildung, der Forschung und Entwicklung“, stellte Metzen andererseits fest. Viele U.S. Unternehmen seien mit Forschung und Entwicklung in Deutschland vertreten, „weil sie von unserem Ökosystem der kleinen und mittelständischen Betriebe total profitieren“.

Die Infrastruktur stehe zudem ganz oben auf der Liste der positiven Punkte, die U.S. Unternehmen in Deutschland sähen, wenn sie hier investierten: „Da machen Sie ganz viel richtig“, sagte Metzen - an Mirko Heid als Vertreter der Stadtwerke Bonn gewandt. Dieser bestätigte, auch wenn die Deutschen sich an die Dynamik und Geschwindigkeit in der Bay area gewöhnen müssen, nicht nur bei der Internetverbindung, sondern unter anderem wegen vieler Regularien auch bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen: „Vorteil an den deutschen Versorgungsstrukturen ist, dass sie funktionieren und verlässlich sind. Ich denke mal an Stromversorgung im Silicon Valley. Ich glaube, die würden sich freuen, wenn sie eine solche Strom- und Wasserversorgung hätten, wie wir sie haben.“ Gerade für einen Staat wie Kalifornien, der sich in Sachen Energiepolitik ganz anders verhalte als die USA als Nation, würde ein Energieversorger wie SWB ein verlässlicher und passender Partner sein „mit BonnNatur Strom und mit 70 Prozent regenerativen Energien in unserem regulären Strommix“, sagte Heid. Er verwies zudem darauf, wie wichtig es nicht nur für die in Bonn verwurzelten Stadtwerke, sondern für jedes Unternehmen ist, die Bedürfnisse seiner Kunden genau zu kennen.

Erfahrung statt Niederlage
Mehrfach kam das unterschiedliche Tempo beiderseits des Atlantiks, auch bei Entwicklungen und Investitionen, zur Sprache. Aber auch die Kultur sei eine andere, sagte Gonder, der seit einem Jahr mit seiner deutschen Frau und seinen Kindern in Nordrhein-Westfalen lebt. Die Menschen vor Ort für neue Ideen zu begeistern, sei schwieriger hier: „Es herrscht nicht so ein Enthusiasmus. Die Leute gucken dich an und denken, du bist ein bisschen wahnsinnig.“ In den USA sei es ganz normal, mehrfach ein Unternehmen zu gründen und dabei auch mehrfach Niederlagen zu erleben. Und jeder Rückschlag bedeute eine neue Erfahrung für die Unternehmer, nicht Versagen, sagte Gonder: „Investoren denken, du wirst besser, du hast mehr Erfahrung und eine höhere Wahrscheinlichkeit, mit dem nächsten Vorhaben erfolgreich zu sein.“

Für Gonder, der unter Barak Obama Berater im Weißen Haus gewesen ist, war es bei der Entscheidung für den Umzug nach Deutschland auch ein Bedürfnis, von der Familienfreundlichkeit in Deutschland zu profitieren. Ebenso hätten das Gesundheitssystem und die gute Schule für die Kinder eine Rolle gespielt, neben der Anwesenheit der Schwiegereltern.

Auf Stärken fokussieren
Die Deutschen merkten oft nicht, was sie erreicht hätten und auf welche Errungenschaften sie stolz könnten, ergänzte Reckling. Das gelte auch für die EU, die in der Wirtschaft mit dem Wegfall von Handelsschranken vieles verbessert habe. Stattdessen werde "über die Krümmung der Banane" diskutiert. Er plädierte dafür, beispielsweise aus Infrastruktur, Steuersystem und Arbeitskräften ein attraktives Gesamtpaket für Unternehmen zu schnüren. „Wichtig ist, dass wir in größeren Verbünden zu einer Lösung kommen und dass nicht einzelne Länder Steueroasen werden“, sagte Metzen.

Schließlich plädierten die Diskutanten für mehr Fokussierung auf die Stärken der Region und des Menschen, anstatt sich lange mit den Schwächen aufzuhalten. Das Rheinland werde so schnell kein Silicon Valley, weil sich auch die Voraussetzungen an einem so attraktiven Standort wie der Bay area über Jahre entwickelt hätten. Aber auch in Deutschland könne man lernen, schon jungen Leuten mehr zuzutrauen und für finanzielle Mittel und Innovationen zu sorgen. Und wenn man „Ankerpunkte“ berücksichtige, also Eigenheiten, die spezifisch für die Region wären, wie etwa die RWTH in Aachen, dann könne hier „etwas Eigenes“ entstehen.

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